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Wie vom Wanderwart zu seiner Begrüßung festgestellt, fand die Weihnachtsfeier für die Wanderkanuten in diesem Jahr bestimmt schon zum fünfundsechzigsten Male statt und ist damit die dienstälteste Veranstaltung überhaupt. Zum 36. Mal fand sie in diesem Jahr in einer Jugendherberge statt. Bis 1978 hatten wir unsere Weihnachtsfeiern immer im Bootshaus durchgeführt. Da dem Wanderwart der abendliche hektische Aufbruch der Eltern mit den Kindern nicht gefiel, wurde ab 1979 die Weihnachtsfeier jeweils in einer Jugendherberge organisiert. Seitdem sind wir bereits durch fast alle Jugendherbergen in der Umgebung von Berlin gezogen. In einigen Herbergen, wie Köthen oder Buckow, waren wir bereits mehrmals.

In diesem Jahr hatte sich der Wanderwart wieder ein gänzlich neues Ziel ausgedacht. Es gab noch eine Jugendherberge, in der wir noch nie waren. Wir fuhren nach Wandlitz. Das lag aber eher daran, dass die JH Wandlitz früher nur mit Jugendtouristreisen erreichbar war, dann zu den teuersten Herbergen gehörte und einige Jahre durch den Neubau gar nicht präsent war. Aber inzwischen haben die meisten Jugendherbergen mit ihrer Ausstattung gleichgezogen und es gibt ein fast ausgeglichenes Preisniveau.

Die Jugendherberge Wandlitz befindet sich direkt in Ortsmitte in unmittelbarer Nähe vom Bahnhof. Aber am Freitagnachmittag und Abend waren wieder alle Sportfreunde mit ihren PKW’s angereist und zum Abendbrot waren fast alle vollständig versammelt und konnten die Ein- bis Vierbettzimmer beziehen. Wobei zwei Vierbettzimmer doch recht eng waren, hier hätte ich mir etwas mehr Entgegenkommen der Herbergsleitung gewünscht. Aber so ist das, wenn man neu und völlig unbekannt ist. Vielleicht kann man beim nächsten Mal bessere Konditionen aushandeln. Zu den 31 (von ursprünglich 32) gemeldeten Teilnehmern gehörten in diesem Jahr auch drei Enkelkinder, endlich mal wieder Kinder bei einer Weihnachtsfeier.

Für unseren gemeinsamen Aufenthalt wurde uns der größte Raum, der Raum Liepnitzsee zur Verfügung gestellt, wo wir den ersten Abend bei einigen Flaschen Wein verbrachten.

Für die Wanderungen hatte der Fahrtenleiter einen Ausflug in die Geschichte von vor 25 Jahren versprochen. Am Sonnabend ging es nicht, wie die meisten vermutet hatten, in die ehemalige Waldsiedlung sondern zur ehemaligen Jugendhochschule der FDJ am Bogensee. Nur ein Einziger war schon mal dort gewesen (Aber auch nicht als Student!), und so war es für fast alle „Neuland“. Nach dem Gang durch eine Wandlitzer Einfamilienhausstraße ging es auf Waldwegen in östliche Richtung bis zu einer Landstraße, die direkt zum Areal der Jugendhochschule führte.

Dazu gehört auch das ehemalige Landhaus von Joseph Goebbels. Aus der Entfernung mutet der flache Bau geradezu bescheiden an. Das Haus repräsentiert alles andere, als das, was man sich unter dem Landsitz einer Nazigröße vorstellt.

Natürlich ist es groß, doch unter dem hohen Dachstuhl über dem Erdgeschoss duckt es sich geradezu in den sandigen Grund. Schlicht und dennoch imposant. Geht man um das Haus auf die Terrasse, gelangt man zum Mittelteil des Gebäudes mit dem spektakulären Kaminzimmer. "Diele" nannte es der Architekt im Grundriss. Eine bescheidene Untertreibung für den weitläufigen Prunkraum mit schwerer Kassettendecke und für die Zeit der Entstehung spektakulärer technischer Ausstattung.

Die Fenster reichen bis zum Boden und lassen sich komplett versenken. Der Mechanismus funktioniert auch heute noch, sechzig Jahre nach seiner Fertigstellung. Was Hitlers Propagandaminister dort trieb, verhalf ihm und der Regierung zunächst jedoch zu guter Publicity. Der Vater von sechs Kindern hatte nämlich neben seiner eigenen darstellerischen Begabung noch einen Hang zur Schauspielerei - und Schauspielerinnen, dem er möglichst ohne Publikum nachgehen wollte. Einige Monate nach der Machtergreifung der Nazis wurde er zum Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung ernannt. Binnen kürzester Zeit unterstand ihm auch die deutsche Filmindustrie. Goebbels nutzte diese Position,  um seine Vorstellungen von Filmkunst und Rollenbesetzungen durchzusetzen. Deutsche Schauspielerinnen wurden somit zu einer leichten Beute für den von seiner in die NS-Propagandamaschinerie eingebundene Vorbildehe gelangweilten Goebbels: Mit Rollenangeboten machte er junge Darstellerinnen gefügig und sich selbst schon bald zum Gesprächsthema als "Der Bock von Babelsberg". Und der brauchte dringend einen Raum für seine Eskapaden. Was ihm fehlte, war ein diskretes Liebesnest. Diesen Wunsch erfüllte ihm die Stadt Berlin 1936 anlässlich seines 39. Geburtstags. Nachdem der Freiherr von Redern 1919 der Stadt Berlin ein Grundstück bei Lanke nahe Bernau verkauft hatte, gab es von Seiten der Stadt hierfür keine Verwendung.  Ende Oktober 1939 wurde das neugebaute Landhaus dann fertiggestellt. Mit 30 Privaträumen, 40 Dienstzimmern, einem 100 Quadratmeter großen Filmsaal am Ende des rechten Wohnflügels sowie 60 Telefonen.

Ein paar Meter weiter gelangt man dann in das eigentliche Gelände der ehemaligen FDJ-Jugendhochschule.

Am 9. März 1946 wurden das Gelände und die Gebäude Goebbels von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) an die zwei Tage zuvor gegründete Freie Deutsche Jugend (FDJ) übergeben, die dort ihre Jugendhochschule Waldhof am Bogensee einrichtete. Im Mai 1946 begann der erste Lehrgang in der provisorisch hergerichteten Jugendschule. Zu den ersten Dozenten gehörte Wolfgang Leonhard.

1950 wurde der FDJ-Jugendhochschule der Name des ersten Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, verliehen. Am 16. Oktober 1951 wurde der Grundstein für die Erweiterungsbauten der Hochschule gelegt – Lektionsgebäude und Gemeinschaftshaus sowie die Gestaltung der innerhalb des Komplexes gelegenen Frei- und Grünflächen. Die Arbeiten erfolgten durch den Architekten der Berliner Stalinallee, Hermann Henselmann, im Stil des Sozialistischen Klassizismus. Zunächst kamen die Schüler aus allen Teilen Deutschlands, später empfing die Jugendhochschule immer mehr Jugendliche aus den befreundeten sozialistischen Ländern. Deshalb wurde in einer zweiten Bauphase nach 1980 im Landhaus ein Restaurant für repräsentative Zwecke eingerichtet und weitere Neubauten – eine Sporthalle, ein Heizhaus und ein weiteres Internatsgebäude – ergänzten den Hochschulkomplex. Im Lektionsgebäude wurde die zweitgrößte Simultananlage der DDR mit 18 Fremdsprachenkabinen und 560 Sitzplätzen errichtet. Seit Mitte der 1970er Jahre absolvierten auch Studenten aus kapitalistischen Ländern die Jugendhochschule, darunter aus der BRD, aus Dänemark, aus Griechenland, Chile oder Grenada.

Die Jugendhochschule wurde mit der Wende in der DDR abgewickelt, das gesamte Gelände fiel wieder an das Land Berlin als Eigentümer. Zunächst zog der gemeinnützige Internationale Bund für Sozialarbeit als Nutzer ein, ein Gebäude diente auch als Hotel. Von 1991 bis 1999 wirkte hier das Internationale Bildungszentrum (IBC). Seither stehen die denkmalgeschützten Gebäude leer und sind dem Verfall preisgegeben.

Die durch das Land Berlin zu tragenden Betriebskosten belaufen sich auf über 250.000 Euro pro Jahr. Weltweit wurde die Immobilie im Jahr 2008 zum Verkauf ausgeschrieben. Die eingereichten Nutzungskonzepte waren unakzeptabel, da sie nicht den gesamten Komplex umfassten. Zu einem späteren Zeitpunkt wird an eine Wiederholung gedacht, gegebenenfalls auch nach Abriss einiger Gebäude auf dem Gelände.

Nach dem Mittagessen wirbelten die Weihnachtsengel für die Vorbereitung unserer Weihnachtsfeier, die Tafel aufbauen, Geschirr eindecken, Weihnachtsteller herrichten, die Julklappgeschenke in Empfang nehmen und zuordnen. Und dann bleibt auch noch Zeit für einen kleinen Mittagsschlaf.

Um 15.30 Uhr saßen alle um den festlich gedeckten Tisch. Leider fehlten in diesem Jahr versierte Musikanten und so überließen wir uns der Elektronik. Nach dem Kaffee, dem Stollen und den Lebkuchen kam mit Gepolter der Weihnachtsmann (Zur Erinnerung: Im vorigen Jahr hatte er ja den Weg nicht gefunden, da kam nur sein Engel zu uns). Mit Unterstützung seiner beiden Weihnachtsengel Christel und Ulla wurden an die braven Kinder die Weihnachtspäckchen verteilt. Jeder Beschenkte musste natürlich einen kleinen Kulturbeitrag liefern. Den größten Beifall erhielten die drei Enkelkinder.

Aber auch die Erwachsenen gaben sich wieder große Mühe. So wurden besinnliche Gedichte und lustige Geschichten vorgetragen, es wurde auch viel gesungen sowie Anne und Petra brachten im Gitarrenduo zu Gehör, was sie das letzte halbe Jahr in der Musikschule gelernt hatten. Christine erzählte uns die Geschichte vom Pflaumentoffel und hatte natürlich auch für jeden von uns einen Pflaumentoffel gebastelt.

Ganz zum Schluss spielte Wolfgang mit dem Weihnachtsmann einen Sketch: „Weihnachtsmann im Jobcenter“. Das war schon eine kleine Anspielung auf den eines Tages anstehenden unvermeidlichen Generationswechsel, wenn der Weihnachtsmann nach 670 Jahren endlich auch in Rente gehen darf.

Nach dem Abendbrot wurde gespielt, und zwar verkehrtes Julklapp oder auch Schrottwichteln. Nachdem alle eine 6 gewürfelt hatten und sich ein Paket ihrer Wahl von mitten des Tisches genommen hatten, ging es ans Auspacken. Tolle Sachen kamen da zum Vorschein, u.a. Weltliteratur von Fritz Reuter  in Plattdeutsch, Kriminalgeschichten von Agatha Christie als Hörbuch, ein nostalgischer Bilderrahmen, eine exquisite Tischlampe, ein russischer Benzinkocher, ein sehr begehrter elektrischer Eierkocher, ein Löwe als Kuscheltier, ein Matchboxauto, ein nostalgischer Wecker und viele weitere außerordentliche Geschenke. Wer jetzt wieder eine 6 würfelte, musste sein Geschenk gegen ein anderes tauschen. Das ging nun mit viel Spaß und Gejohle von statten. Gibt es doch immer wieder Dinge, die sehr begehrt sind und dann mehrmals ihren Besitzer wechseln. Genau nach 60 Minuten wurde das Spiel dann beendet.

Der Wanderwart erhielt am Abend noch einen dicken Brief vom Nikolaus. Im Brief wurden die Kanuten aufgefordert, endlich das beliebte Bummilied nicht mehr zu singen. Als Ersatz lag auf die gleiche Melodie ein neuer Text mit 18 Strophen dabei, die anschließend auch tapfer durchgesungen wurden. Denkt daran, diesen Text zur nächsten Nebelfahrt auch mitzubringen.

Am Sonntagmorgen wurde dann das zweite geschichtsträchtige Ziel besucht. Wir fuhren mit dem Auto dorthin. Erstaunlicherweise ist die „Waldsiedlung Wandlitz“ anscheinend so geheim, dass nur drei Fahrzeuge den Weg sofort fanden. Die anderen mussten, als sie schon wieder fast in Berlin waren, mühselig heran telefoniert werden.

Die eineinhalb Quadratkilometer große Waldsiedlung Wandlitz wurde nach den Ereignissen 1956 in Ungarn in den Jahren 1958 bis 1960 auf Beschluss des SED-Politbüros inmitten eines Waldgebietes gebaut. Die Mitglieder des Politbüros konnten dort besser gesichert werden als in ihren Villen am Majakowskiring in Berlin-Niederschönhausen. Den Wohnsitz in die Waldsiedlung zu verlegen, war mit der Berufung in das Politbüro für dessen Mitglieder obligatorisch.

Die Abschirmung war von außen nicht unmittelbar erkennbar. Der äußere Ring wurde durch einen Maschendrahtzaun umsäumt, an dem Schilder mit dem Hinweis auf ein Wildforschungsgebiet hingen. Der innere Ring war mit einer zwei Meter hohen und rund fünf Kilometer langen grün angestrichenen Beton-Sicherungsmauer umgeben und durfte nur mit Sonderausweis betreten werden. Die vier Tore wurden von Soldaten des MfS und des Wachregiments Feliks Dzierzynski bewacht.  Insgesamt umfasste der Sicherungsbereich 33 Postenbereiche, einschließlich der Postenbereiche 32 (Badestelle Liepnitzsee) und 33 (Haus am See – Sommerhaus der sowjetischen Botschaft).  

Die Waldsiedlung bestand im inneren Ring aus 23 ein- und zweistöckigen Einfamilienhäusern mit teils 7 und teils 15 Zimmern, letztere mit 180 Quadratmetern Grundfläche, einem Klubhaus mit Arztpraxis, Schwimmbad, Sauna, Kino, Gaststätte und einem Sportplatz mit Tennisanlage. Im sogenannten äußeren Ring gab es unter anderem eine Gärtnerei, eine Poliklinik sowie Wohn- und Sozialgebäude für Angestellte und Wachpersonal. In einem „Ladenkombinat“ gelangten die Bewohner in den Genuss hochwertiger DDR- und Westerzeugnisse.

Ein Stab von über 60 Hausangestellten sorgte sich um die Bewohner. Die Mitglieder der Partei- und Staatsführung leisteten sich in der Waldsiedlung einen Lebensstil, der weit über dem eines normalen DDR-Bürgers lag. Dies und die Abschottung von der eigenen Bevölkerung trugen zur Entfremdung zwischen der Führung und dem Volk bei. 1989 mussten die Bewohner auf Beschluss der DDR-Regierung die Siedlung verlassen. 1990 wurde die Brandenburg Klinik Bernau als erstes großes Rehabilitationszentrum in den neuen Bundesländern auf dem Gelände der Waldsiedlung errichtet.

Wir wanderten etwa eine Stunde durch das weitläufige Areal. Jörg zeigte uns die einzelnen Häuser und nannte die jeweiligen Bewohner. Auf dem Foto ist das Haus Nr. 11 von „Honni“ zu sehen. Nachdem alle durchgefroren waren, ging es zurück zum Mittagessen.

Nach dem Essen gab es dann die große Jahresendverabschiedungsszene mit allen guten Wünschen für Weihnachten und den guten Rutsch ins nächste Kanutenjahr.

Zur nächsten Weihnachtsfeier treffen wir uns in der JH Buckow.

Quellennachweis: Die Abschnitte zur Jugendhochschule und Waldsiedlung sind Wikipedia entnommen und unterliegen den Lizenzbestimmungen von www.wikipedia.org

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