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In diesem Jahr war wieder ein bisher nicht befahrener Abschnitt der Elbe geplant. Jeder, der schon einmal die Autobahn A2 Richtung Hannover gefahren ist, hat bei Überquerung der Elbe die nördlich gelegene Kanalbrücke gesehen. Die Befahrung der Kanalbrücke ist für muskelbetriebene Wasserfahrzeuge allerdings nicht erlaubt. Aber der Kanu-Klub Börde in Magdeburg organisiert jedes Jahr im August an einem Sonnabend eine Fahrt über das Wasserstraßenkreuz. Und daran haben wir uns in diesem Jahr mit 18 Sportfreunden beteiligt.

 

Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/c5/Karte_Wasserstra%C3%9Fenkreuz_Magdeburg.png/330px-Karte_Wasserstra%C3%9Fenkreuz_Magdeburg.png

Wegen der vielen technischen Besonderheiten werde ich auch auf einige Dinge etwas ausführlicher mit Wort und Bild eingehen.

Um 07.30 Uhr sollen die erforderlichen Kraftfahrzeuge für den Bootstransport und die Paddler nach Rogätz, unser heutiges Etappenziel, vorgefahren werden. Für Dieter, Frank, Holger, Ralf und Wolfgang heißt es, schon um 06.00 Uhr aufzustehen und zu frühstücken. Am frühen Morgen sind die Straßen noch frei, so gelangen wir zügig nach Rogätz und die Kraftfahrer mit Ralf auch schnell wieder zurück zum Bootshaus des Kanu-Klubs Börde.

Der Verein befindet sich an der Alten Elbe. Die Elbe hat wegen der anhaltenden Trockenheit am Pegel Magdeburg heute nur einen Wasserstand von 52 cm bei einer Durchflussmenge von 149 m3/s. Das wirkt sich sehr negativ auf die Alte Elbe aus. Der Flussarm ist total versandet. Bis in die 90er Jahre  wurden die angeschwemmten Sedimente in diesem Elbarm regelmäßig ausgebaggert, so blieb die Fahrrinne auch bei Niedrigwasser offen. Aber das gibt es nicht mehr. Naturschützer haben 2007 das Ausbaggern mit einer Klage verhindert. Seitdem türmt sich der Sand von Jahr zu Jahr höher, Dabei hat eine Studie der TU Dresden ergeben, dass damit im Hochwasserfall der Pegel um bis zu einem halben Meter gesenkt werden könnte. An der Alten Elbe befinden sich mehrere Kanu- und Ruderbootshäuser, die alle von der Versandung der Alten Elbe betroffen sind. Das Nachsehen hatten über 10 Jahre die Sportler dieser Bootshäuser, die ihre Boote bis zu 800 m in die Stromelbe schleppen mussten. Um an ihr Bootshaus zu gelangen, durfte der Verein Kanu-Klub Börde in den letzten Jahren mit einer Ausnahmegenehmigung immer wieder (auf eigene Kosten) einen schmalen Kanal ausbaggern lassen. Gegen halb zehn Uhr paddeln die ersten in diesem Kanal aufwärts zur Spitze der Rotehorn-Insel.

 

Start am Bootshaus vom Kanu-Klub Börde auf dem verlandeten Areal der Alten Elbe

Kurz vor 10.00 Uhr eröffnet „Ruppi“ die diesjährige Fahrt über das Wasserstraßenkreuz. Er weist die rund 60 Teilnehmer nochmals auf den strengen Zeitplan hin. Durch alle drei Schleusen, das Schiffshebewerk und über die Kanalbrücke muss jeweils gemeinsam gefahren werden. Das erfordert von allen Teilnehmern eine hohe Disziplin. Um zehn Uhr erfolgt dann der Start am Elbkilometer 323 auf der Stromelbe.

 

Eröffnung an der Spitze der Rotehorn-Insel

Wegen des niedrigen Wasserstandes ist die Strömung nur gering. Aber alsbald haben wir den Domfelsen unterhalb des eindrucksvollen Magdeburger Doms erreicht. Und hier plätschert es gewaltig, fast schon wildwassermäßig. So bleibt kaum Muße, sich dem imposanten Stadtpanorama auf der linken Elbseite zu widmen. Aber zwei Brücken weiter ist’s auch wieder vorbei mit der flotten Strömung. Am Kilometer 333 landen wir zur ersten und für längere Zeit zur letzten Pause an. Zwischen den Buhnen befindet sich, auch dank Niedrigwasser, dafür ein herrlicher Sandstrand.

 

Pause am Elbkilometer 333

Nach Entsorgung des Morgenkaffees ruft Ruppi zur Weiterfahrt. Das gesamte Teilnehmerfeld verlässt die Stromelbe und fährt in den Rothenseer Verbindungskanal ein. Nach 700 m erreichen wir die Niedrigwasserschleuse, sie dient zur Regulierung des Wasserstandes in den Magdeburger Häfen und ist nur bei Niedrigwasser der Elbe in Betrieb.

 

Niedrigwasserschleuse im Rothenseer Verbindungskanal

Der Fahrtenleiter telefoniert jeweils rechtzeitig mit den jeweiligen Schleusenmeistern, und so können wir, kaum angekommen, bereits in die Schleuse einfahren. Die rund 45 Schifflein verlieren sich fast in der riesigen Schleuse, die für große Schleppzüge bemessen ist. Nachdem das gewaltige Hubtor abgesenkt ist, werden wir etwa zwei Meter angehoben. Danach wird zügig weitergepaddelt. Bis zum Schiffshebewerk Rothensee sind es 3,5 km in einem tief eingeschnittenen Kanal. Anfangs kommt uns noch ein Öltanker aus Hamburg entgegen, der den Magdeburger Ölhafen ansteuert. Dann sehen wir schon die beiden Joche des Schiffshebewerks.

Kurze Wartepause vor der Einfahrt ins Schiffshebewerk

Kaum ist das Feld geschlossen angekommen, öffnet sich das Hubtor. 1938 wurde das Schiffshebewerk in Dienst gestellt. Leipziger Konstrukteure entschieden sich damals für ein Prinzip, das bis dahin noch nirgendwo für ein Bauwerk dieser Größenordnung praktisch angewendet worden war: Ein Hebewerk, dessen Trog beweglich auf zwei Schwimmern ruhte.

Mit Hilfe des mit Wasser gefüllten Troges, der zusammen mit den zwei Schwimmern und den Traggerüsten ein Gesamtgewicht von rund 5.400 Tonnen aufweist, konnten so Schiffe vom Mittellandkanal zur Elbe „absteigen“. Je nach Wasserstand der Elbe wird ein Gefälle zwischen 11 und 18 m ausgeglichen. Mit einer Troglänge von 85 m, einer Breite von 12 m und einer Wassertiefe im Trog von 2,5 m sind die Abmessungen für heutige Großmotorgüterschiffe jedoch zu gering. Aus diesem Grund wurde das Schiffshebewerk 2006 stillgelegt. Seitdem engagiert sich die Landeshauptstadt Magdeburg unterstützt durch verschiedene Akteure unter breiter Zustimmung aus der Bevölkerung um den saisonalen Weiterbetrieb. Mit Erfolg: Seit Sommer 2013 wird das Schiffshebewerk saisonal für touristische Zwecke wieder betrieben.

  

Unter dem Trog: Derr 85 m lange und 12,2 m breite Trog des Schiffshebewerks wird durch zwei 36 m hohe Tauchschwimmkörper mit einem Durchmesser von 10 m in der Schwebe gehalten. Die Schwimmkörper tauchen in zwei 60 m tiefe Tauchschächte ein, sie liegen dabei immer vollständig unter Wasser.

 

Die Bewegung des Trogs erfolgt über vier Gewindespindeln mit einer Länge von 27,30 m und 42 cm Durchmesser, an denen der Trog elektrisch auf und ab bewegt wird. Durch das zwischen Trog und Schwimmkörpern bestehende statische Gleichgewicht ist für die Bewegung nur die Massenträgheit und die Reibung sowie der wechselnde Auftrieb der stützenden Gerüste zu überwinden. Die Leistung für die Hubbewegung liegt daher unter 500 kW. Die um die vier feststehenden Spindeln rotierenden Gewindeblöcke werden von acht 44 kW-Elektromotoren bewegt. Für die Bergfahrt werden lediglich 5 € Stromkosten erforderlich.

Die Hubzeit beträgt für die 18 m nur 3 Minuten. Die gesamte Abfertigung mit Einfahren unserer Boote, Schließen und Öffnen der Tore benötigt etwa 12 Minuten.

 

Ausfahrt aus dem Schiffshebewerk

Danach geht es gleich zügig weiter. Wir sind jetzt im Mittellandkanal. und paddeln 2 km bis zum Beginn der Trogbrücke. Inzwischen hat Ruppi bereits per Telefon Order bekommen, dass wir die Kanalbrücke befahren können. Der  Kanal liegt hier mindestens 10 m über Gelände. Aus unserer Paddlerperspektive können wir nicht über die Ufer schauen und das ist auch leider bei der 918 m langen Kanalbrücke so. Der interessantere Blick auf eine Brücke ist auch hier wieder von unten, wie auf dem folgenden Bild zu sehen.

 

Die Strombrücke hat als Bauwerkssystem in Längsrichtung einen Dreifelddurchlaufträger mit einer Gesamtstützweite von 227,4 m. Die 16-feldrige 690,65 m lange Vorlandbrücke ist ein stählerner Durchlaufträger mit Regelstützweiten von 42,85 m. Bauzeit war von 1998 bis 2003.

 

Fahrt über die Kanalbrücke

Wie am Morgen belehrt, paddeln wir sehr zügig über die Kanalbrücke. Trotzdem reicht es noch für ein paar Fotos. Links und rechts vom 34 m breiten Kanal sind Fuß- und Radwege, die auch eifrig genutzt werden, und bestimmt haben die Radfahrer und Fußgänger nicht schlecht gestaunt über den seltenen Anblick von so vielen Paddlern, für die die Brücke eigentlich gesperrt ist.

Bis zur Doppelschleuse Hohenwarthe sind 2 km zurückzulegen. Kaum sind wir angekommen, dürfen wir bereits in die rechte Kammer einfahren. Die Schleuse Hohenwarthe ist konstruktiv eine Sparschleuse. Neben den beiden Schleusenkammern befinden sich jeweils drei gestaffelt übereinander liegende Sparbecken, mit denen eine Wasserersparnis von rund 60 % erreicht werden kann. Die restlichen 40 % des Schleusenwasserbedarfs werden schließlich durch drei starke Rückpumpen, die jeweils 3,5 m3/s pumpen können, wieder ersetzt.

Mit dieser Schleuse verlassen wir den Mittellandkanal und gelangen anschließend in den Elbe-Havel-Kanal. Aber dazu werden wir noch rund 18,5 m abgesenkt. Na, das wird ganz schön spannend. Die Schleusenkammer ist 190 m lang und 12,50 m breit. Unsere 45 Kajaks haben hier viel Platz. Eine Besonderheit sind die auf der linken Seite mitlaufenden Poller. Wer pfiffig ist, legt dort an und macht sich an den Griffen nicht die Hände schmutzig.

Der Griff am mitlaufenden Poller bleibt schön sauber

Wir stoppen die Zeit. Um die rund 44.000 m3 Wasser abzulassen, benötigen wir ca. 16 Minuten. Beim Umschalten auf die drei Sparkammern gibt es eine fast unmerkliche Pause. Wir sehen es nur an den mitlaufenden Pollern, die jeweils kurz innehalten. Der Anblick wird immer gigantischer, je tiefer wir abgesenkt werden. Ich darf mir jetzt nicht vorstellen, an den glitschigen Leitern die 18 m hoch zu klettern. Aber als wir das Unterwasser erreicht haben, hebt sich das gewaltige 130 Tonnen  schwere Hubtor und nach der Grünsignalisierung können wir ausfahren.

 

Ausfahrt aus der Schleuse Hohenwarthe in den Elbe-Havel-Kanal

Kurz nach der Ausfahrt aus der Schleusenkammer fahren wir nach links und stehen vor der dritten und letzten Schleuse für diesen Tag, es ist die Schleuse Niegripp im Niegripper Verbindungskanal. Er verbindet den Elbe-Havel Kanal mit der Elbe. Wegen des Niedrigwasser in der Elbe

 

Einfahrt in die Schleuse Niegripp

geht es fast 5 m abwärts. Bei Hochwasser in der Elbe kann man hier auch über 1 m aufwärts schleusen. Das erfordert eine besondere Konstruktion der beiderseitigen Hubtore. Aber nach der gewaltigen Schleuse Hohenwarthe ist die Schleuse Niegripp lange nicht mehr so spektakulär. Nach der Schleusenausfahrt erreichen wir nach rund 800 m wieder die Elbe. Wir fahren sogleich am linken Ufer einen schönen Sandstrand zwischen zwei Buhnen an. Inzwischen ist es halb drei Uhr. Die erste große Pause seit vier Stunden. Die Hälfte unserer Truppe stürzt sich in die 21 Grad kühlen Fluten der Elbe. Nachdem auch der verlängerte Rücken sich vom langen Sitzen wieder  entspannt hat, starten wir gegen 15.00 Uhr zu den letzten 7 km auf der Stromelbe Richtung Rogätz.

 

Wir haben nach 33 km Rogätz erreicht

Beim Elbkilometer 351,2 landen wir am Bootshaus des SC Kanu Rogätz an. Trotz der teilweise anstrengenden Fahrt über 33 km bei teils stehendem Gewässer und ziemlichen Gegenwind auf der gesamten Strecke waren alle Teilnehmer „mächtig gewaltig“ beeindruckt von der heutigen Etappe. Wir bedanken uns bei den Sportfreunden vom Kanu-Klub Börde für das einmalige Erlebnis und wünschen ihnen noch viele Jahre Durchhaltevermögen für diese interessante Paddelfahrt.

Beim Stadtrundgang vor den Magdeburger Halbkugeln

Der Sonntag unserer Elbefahrt ist traditionell einer Wanderung oder Stadtbesichtigung vorbehalten. Unser Jörg hat sich monatelang auf diese Stadtführung vorbereitet und ist am Sonnabend schon einmal die gesamte Strecke abgelaufen. Er meint, der „Spaziergang“ dauere drei Stunden, am Ende werden es aber fünf Stunden. Wir haben kaum eine Sehenswürdigkeit von Magdeburg ausgelassen. Da das hier aber ein Bericht für unser Kanuwanderarchiv ist, möchte ich mich kurz fassen und mich im Namen aller Teilnehmer bei Jörg für die wieder sehr interessante (wenn auch bei 30 Grad im Schatten etwas anstrengende) Führung bedanken.

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