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Wolfgang: Getreu unserem Plan, die Elbe im Laufe der Jahre bis Hamburg abwärts zu paddeln, war in diesem Jahr der Streckenabschnitt von Rogätz bis Tangermünde dran. Die das öffentliche Leben stark einschränkende Coronapandemie war zum Glück bis Ende August soweit aufgehoben worden, dass wir wieder eine Gemeinschaftsfahrt planen und durchführen konnten. 18 Sportfreunde starteten am Freitag, den 28.08.2020, zum Sportclub Kanu in Rogätz am  Elbkilometer 351,2. Aber wer kennt schon Rogätz. Aber es gibt schließlich Navigationsgeräte, die den Autofahrer bei richtiger Bedienung auf dem kürzesten Weg zum Ziel führen. Deshalb verließen wir bereits an der Abfahrt Burg Ost die Autobahn A2 und standen bereits 15 km weiter an der Elbe. Auf der anderen Flussseite liegt etwa 25 km nördlich von Magdeburg auf einer hochwassersicheren Anhöhe Rogätz. Der Ort ist übrigens älter als Berlin. Er wurde bereits 1144 in einer Urkunde erwähnt. Im 13. Jhdt. wurde im Ort eine Burg errichtet, von der noch heute der zum Teil über 900 Jahre alte und 32 Meter hohe Klutturm zu besichtigen ist. Er ist aus Findlingssteinen errichtet und erstreckt sich über drei Geschosse. Er wurde lange Zeit als Wohnturm genutzt und dient  seit den 1990er Jahren  als Ausstellungsraum und Aussichtsturm.

 Der über 900 Jahre alte Klutturm

Auf die andere Uferseite gelangen wir mit einer Motorfähre und wurden schon vom Zeltplatz des Kanuvereins gesichtet. Bis zum frühen Abend trafen alle Teilnehmer ein, nur einer hatte im Navi die Fähre nicht aktiviert und machte einen großen Umweg über Magdeburg Rothensee.

Der Zeltplatz des Kanuvereins auf der nahen Elbwiese bot uns mit unseren Wohnwagen, Schlafbussen und Zelten sowie einigen Elbpaddlern ausreichend Platz.

Zeltplatz vom Sportclub Kanu Rogätz

Nach dem Abendbrot überraschten uns Sabine und Wolfgang als frisch gebackene Urgroßeltern, und damit die erst vier Tage alte Ronja (Räubertochter) auch ordentlich pinkeln kann, wurde sie gleich mit einem „Glas“ Sekt begossen. Der Fahrtenleiter nutzte das Stehbankett zu einer kurzen Einweisung zum Ablauf der folgenden zwei Tage, dazu gehörten (wie immer bei der Elbefahrt) das zeitige Aufstehen und der frühe Start.

Miriam: Kurz vor der Fahrt hatte ich Bedenken, ob ich überhaupt knapp 40 Kilometer am Stück paddeln kann. Aber Holger war der festen Überzeugung, dass ich das schaffen würde, und so gab es dann keine Ausreden mehr. Paddeln und Campen (wenn auch nicht beides zusammen) waren mal Teil meiner Kindheit, versanken danach aber leider in der Bedeutungslosigkeit. So hatte ich einiges einzukaufen, bevor ich zum ersten Mal mit dem SCBG wegfuhr. Das hat die Mitarbeiter bei Camp4 natürlich sehr gefreut! Das Zelt bekam ich dankenswerterweise von einem Arbeitskollegen geborgt. Antje und Frank holten mich und mein Boot vom Bootshaus ab und fuhren mit mir nach Rogätz. Holger hatte einen Campingstuhl für mich dabei, sodass ich mich zu den anderen an die Tafel setzen konnte, und auch eine Folie für mein Zelt, denn die hatte ich vergessen! Abends dann mit einem Bierchen auf einem Campingplatz an der Elbe sitzen – da fällt der Stress automatisch von einem ab!

Wolfgang: Die Autofahrer starteten bereits 09.00 Uhr am Sonnabendmorgen und brachten die Fahrzeuge nach Tangermünde zum Tangermünder Ruderclub. Nach ihrer Rückkehr konnte dann um 11.00 Uhr nach der üblichen Eröffnung und einem Gruppenfoto gestartet werden.

  

Startfoto vom Elbkilometer 351,2 km

Die Einsatzstelle befindet sich zwischen zwei Buhnen. Aber sowie man die freie Elbe erreicht hat, erfasste uns die Elbströmung. Der heutige Pegel lag in Tangermünde bei 142 cm und die Durchflussmenge betrug 194 m3/s, das bedeutete Niedrigwasser. Alle Buhnen lagen frei, aber dazwischen waren in den Innenkurven herrliche Sandstrände.

Vor uns lagen 39 km bis Tangermünde. Wir hatten heute Glück, die ersten zwei Drittel unserer Strecke hatten wir immer einen leichten Rückenwind. So erreichten wir bei einer Fließgeschwindigkeit von etwa 2,5 km/h eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwas über 9 km/h.

Wir sind in der fruchtbaren Magdeburger Börde. Dafür erwartete uns eine etwas triste Landschaft ohne Höhepunkte. Keine Auenwälder, hier und da ein Busch, lange Geraden und weit gezogene Links-Rechts-Kurven. Viel gibt es hier weder zu sehen noch zu beschreiben. Die Fahrrinne ist für die Berufsschifffahrt mit roten (rechts) und grünen (links) Bojen markiert. Bei diesem Niedrigwasser wechselt der Stromstrich (Linie der größten Fließgeschwindigkeit) immer in die Außenkurve. Beim ersten Richtungswechsel ignorierten das einige Paddler und hatten plötzlich kaum noch Wasser unterm Kiel. Aber wir lernten schnell und fuhren danach immer schön die Außenkurven aus.

Zwischen km 358 - km 367 wunderten wir uns über die etwas „eigenartigen“ Buhnen. Diese Ufer waren zu DDR-Zeiten Wasserübungsgelände der Sowjetarmee. Die hier tauchenden Unterwasserpanzer nutzten gern die Buhnen zum "Anpirschen" an den Strom, was die Buhnen zerbrechen und wandernde Sandbänke im Strom entstehen ließ. Um dem zu begegnen, zogen die Wasserbauer in die zu reparierenden Buhnen je eine schmale Stahlspundwand ein, auf der der Panzer, wenn er den Buhnenkörper zerfuhr, "hängenblieb". Die Fahrer mussten sich nun notgedrungen an die Vorschrift halten, den Fluss zwischen den Buhnen zu queren. Die Ufer sind inzwischen renaturiert, aber die so gefertigten hässlichen Buhnen sind heute noch sichtbar.

Nach zwei Stunden hatten wir bereits 19 km, also fast die Hälfte der heutigen Tagesleistung, zurückgelegt und legten am km 370 zur Mittagspause an.

 

Nach einer dreiviertel Stunde stiegen wir wieder in die Boote und paddelten weiter. Auf der linken Seite ertönte plötzlich der laute trompetenartige Ruf von Kranichen. Später sahen wir noch eine kleine Gruppe am Himmel. Allerdings hatten wir den Eindruck, dass sie noch den typischen Kranichflug übten, denn Kraniche fliegen in Keilen, ungleichschenkligen Winkeln oder schrägen Reihen, so dass der Luftwiderstand reduziert und der Kontakt innerhalb der Gruppe gesichert wird.

 

Kraniche auf dem Elbdeich

Nach 1,5 km mündet von rechts ein Abzweig zur Schleuse Parey und dem Pareyer Verbindungskanal, der nach 3 km auf den Elbe-Havel-Kanal trifft. Dieser Abzweig ist so unscheinbar, dass wir ihn glatt übersehen haben. Wir befanden uns immer noch 33 m über NN und so profitierten wir von der sanften Elbströmung. Etwa bei km 375 drehte die Elbrichtung auf Nord. Vielleicht hat auch die Windrichtung etwas gedreht, wir haben plötzlich Gegenwind, der auch etwa aufgefrischt hat. Ganz selten bot ein erhöhtes oder bewaldetes Ufer etwas Schutz.

 

Wellige Elbe bei Gegenwind

Alsbald waren in weiter Ferne die ersten Türme von Tangermünde zu sehen. Und wenige Meter nach unserer Zielmarke km 388 bogen wir gegen 15.30 Uhr über Backbord in den Tangermünde Hafen ein.

 

Silhouette von Tangermünde

Am Hafenende (hier mündet auch der (oder die) Tanger, Namensgeber der Stadt) befindet sich der Schwimmsteg des Tangermünder Ruderclubs. Der vorab informierte Vereinschef hatte uns eine Tür im Zaun geöffnet, so brauchten wir unsere Boote zum Verladen nicht allzu weit zu tragen. Vielen Dank an die Ruderer, dass wir unsere Fahrzeuge bei Ihnen parken durften.

Einige Sportfreunde nutzten nach dem Verladen noch die Zeit zu einem kurzen Bummel durch das mittelalterliche Zentrum der Stadt.

Miriam: Ich wurde von Holger angeleitet, wie man fachgerecht in die Strömung reinfährt – die war hier nicht besonders stark, anderswo kann sie es aber sein. Auch ansonsten hatte Holger immer ein wachsames Auge auf meine Paddeltechnik! Immer wieder war ich sehr mit dem Paddeln und dem Steuern beschäftigt, konnte dann aber wieder die schöne Landschaft genießen. Dank der Strömung war auch für mich die Strecke machbar – doch in der letzten Stunde zählte ich wirklich die Kilometer und musste dann die letzte Kraft aufwenden.

  

Tangermünder Rathaus aus dem 15. Jhdt. mit der 24 m hohen Backsteinschauwand

Wolfgang: Der zweite Tag unserer Elbefahrt ist immer einer Wanderung oder einer Besichtigung vorbehalten. Für den Sonntag hatte der Fahrtenleiter uns im Schiffshebewerk Magdeburg Rothensee zu einer 90-minütigen Führung angemeldet. Die Nacht war wieder sternenklar gewesen, so mussten unsere Zeltler leider die Zelte noch etwas nass einpacken. Aber alle schafften die Abfahrtszeit zu dreiviertel zehn Uhr. Über einige kommunale und am Sonntagmorgen autofreie Straßen gelangten wir zügig zum Parkplatz vor dem Schiffshebewerk.

Uns empfing ein freundlicher und auskunftsfreudiger Mitarbeiter des Schiffshebewerks, der zwar meinte, er mache das zum ersten Mal, aber dafür erklärte er uns sachkundig alle wichtigen Details, die für die Funktion des Hebewerks erforderlich sind.

Wir waren bei unserer Elbefahrt 2019 mit unseren Kajaks von der Elbe kommend über das Schiffshebewerk in den Mittellandkanal gelangt, was für alle Teilnehmer schon sehr beeindruckend war. Die heutige Besichtigung sollte die damaligen Eindrücke noch vertiefen.

Das Schiffshebewerk hat bei normalen Wasserständen einen Höhenunterschied von 16 m auszugleichen. Je nach Wasserstand der Elbe kann der Wert jedoch zwischen 11 und 18 m schwanken. Die Hubzeit beträgt 3 Minuten. Die gesamte Abfertigung mit Einfahren des Schiffes, Schließen und Öffnen der Tore benötigt etwa 20 Minuten. Täglich können etwa 70 Schiffe mit einer Gesamtlast von 45.000 Tonnen transportiert werden. Die zulässige Schiffsgröße beträgt maximal 1.000 Tonnen.

Bereits 1856 reichte ein Kanalkomitee einen ersten Plan für einen Kanalbau vom Mittellandkanal zur Elbe ein. Aber es dauerte noch 80 Jahre bis der Bau in Angriff genommen wurde. Beim Baubeginn entschieden sich die Konstrukteure für ein außergewöhnliches Prinzip, ein Hebewerk, dessen Trog beweglich auf zwei Schwimmern ruht. Der Auftrieb der zwei Schwimmer ist nahezu identisch mit der Masse von 5.400 t, die der gefüllte Trog und sein Gerüst wiegen. Beim Hub oder Absenken müssen so nur die Reibung und die Masseträgheit überwunden werden. Das Patent stammt von dem Leipziger Konstrukteur Rudolf Mussaeus. (Der 4290 t schwere Trog des Schiffshebewerk Niederfinow hängt an 256 Stahlseilen, die über Umlenkrollen mit 192 Ausgleichsgewichten aus Beton mit einem Gewicht von ebenfalls 4290 Tonnen verbunden sind.)

 

Der bewegliche Trog ruht auf zwei Schwimmkörpern, die in einen Schacht mit einem Durchmesser von 10 m 60 m tief eintauchen. Geführt und bewegt wird der Trog an vier senkrechten Gewindespindeln, welche 27 m lang und einen Durchmesser von 42 cm haben.

 

Komplizierter ist die Technik an den Hubtoren. Der Trog ist an beiden Seiten durch Hubtore geschlossen. Ober- und Unterwasser sind ebenfalls durch Hubtore verschlossen. Je nach Lage des Troges müssen also zum Ein- oder Ausfahren jeweils zwei Tore gezogen werden, nämlich ein Tor am Trog und ein Tor am zugehörigen Kanal. Wegen des einseitigen Wasserdrucks aus dem Trog und aus dem Kanal lassen sich diese Hubtore aber nicht ziehen. Dazu muss erst der Zwischenraum zwischen beiden Toren mit Wasser gefüllt werden. Damit dieses Wasser nicht ablaufen kann, wird ein Dichtrahmen mit einer Gummidichtung verfahren. Werden die Tore wieder geschlossen, wird das Wasser zwischen den Toren abgepumpt und der Dichtrahmen wieder eingefahren. Danach kann der Trog gehoben oder gesenkt werden. 

Der Trog wurde während unserer Besichtigung mehrmals auf- und abgesenkt und wir immer mittendrin.

 

Nach Besichtigung der mechanischen Technik waren wir natürlich auch in der Schaltwarte und besichtigten die elektrischen Anlagen. Alle Motore laufen mit Gleichstrom. Dazu wird Kraftstrom aus dem Landesnetz mittels Umformern in Gleichstrom von 220 V umgewandelt.

Schalttafel im Steuerstand

Durch die Fertigstellung der parallelen Sparschleuse Rothensee im Jahr 2001, die auch für größere Schiffstypen ausgelegt ist, verlor das Schiffshebewerk seine verkehrstechnische Bedeutung. Zunächst blieb es als technisches Denkmal in Betrieb. Der Betrieb des Schiffshebewerks wurde zwischen Ende 2006 und August 2013 eingestellt, wobei es Pläne gab, die Schwimmerschächte zuzubetonieren und somit eine Wiederinbetriebnahme unmöglich zu machen. Eine intensive Kampagne in Magdeburg und  in Sachsen-Anhalt hat aber dazu geführt, dass diese Pläne nicht umgesetzt wurden. Am 24. August 2013 wurde das Schiffshebewerk wieder in Betrieb genommen.

Unmittelbar neben dem Schiffshebewerk befindet sich die Gaststätte „Zum Anker“. In einen separaten Raum wurden wir zügig bedient und konnten nach einer Stunde zu weiteren Besichtigungen aufbrechen.

Als nächstes stiegen wir den Turm zur Sparschleuse Magdeburg Rothensee nach oben und haben von dort einen grandiosen Blick auf die Schleuse und die Sparbecken. Die Schleusenkammer ist circa 12,50 m breit und 190 m lang. Sie hat eine vom Elbwasserstand abhängige Fallhöhe von 10,45 bis 18,46 m. Unter dem Gesichtspunkt, den Wasserverbrauch beim Schleusen zu reduzieren, wurde die Schleusenanlage als Sparschleuse konzipiert. Östlich neben der Schleusenkammer wurden jeweils drei gestaffelt übereinander angeordnete Sparbecken gebaut. Durch die Becken wird eine Wasserersparnis von etwa 60 Prozent des Schleusungswasserbedarfs ermöglicht. Nur die restlichen 40 Prozent des benötigten Kammerinhalts werden bei einer Schleusung zum oberen Mittellandkanal aus dieser oberen Haltung entnommen bzw. bei einer Schleusung nach unten in die untere Haltung abgelassen. Dieses Verlustwasser wird durch Rückpumpen in die obere Haltung ersetzt, da der Mittellandkanal  so gut wie keine natürlichen Zuflüsse hat.

Aufstieg zum Besucherturm

 

Blick auf die Schleuse mit den drei Sparbecken, im Hintergrund der Mittellandkanal

Während wir auf dem Turm stehen, füllt sich das Schleusenbecken und ein großes Schubschiff fährt ein. Aber da dann lange nichts passiert, verlassen wir den Turm und fahren zur Elbebrücke. Vom Parkplatz gelangt man über eine Rampe zum parallel zum Kanal führenden Fuß- und Radweg.

 Trogbrücke über die Elbe mit parallelem Fuß- und Radweg

Am Beginn der Vorlandbrücke gibt es eine Treppe, an der man an den Fuß der Brücke gelangt. Von unten hat man dann einen sehr schönen Blick auf das gesamte Brückenbauwerk.

 

Vorlandbrücke der Kanalbrücke

Die Gestaltung der Pfeiler erinnert durch ihre ausladende geschwungene Form an Schiffsspanten und stellt damit den Bezug zum Nutzer der Wasserstraße, der Schifffahrt, her.


Eigentlich war noch eine kleine Wanderung zur Schleuse Hohenwarthe geplant, aber wegen der bereits fortgeschrittenen Zeit treten wir die Heimfahrt an und geraten bei der Einfahrt nach Berlin in einen kräftigen Platzregen.

Miriam: Das waren zwei spannende und erholsame Tage. Das Schiffshebewerk und die ganze damit verbundene Ingenieurskunst haben mich genauso beeindruckt wie die Natur und die Stadt Tangermünde. Das Beste aber waren natürlich das Paddeln und die netten und hilfsbereiten Vereinsmitglieder! Anne und Jörg haben mich am Schluss mit nach Berlin genommen. Nach diesem schönen Ausflug in die Natur war es dann wieder mal ein ganz besonderer Schock, von der Autobahn aus den wirklich schlechten Zustand des Waldes zu sehen.

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