RUDERN

Unsere Fahrtenberichte

Bei Hitze und Kälte auf Fontanes Spuren: Ruderwanderfahrt Ruppiner Gewässer 2018

Rudernd zu den Queerspielen in Lindow/Mark anreisen: Nach der schönen Tour 2016 wollten neun Ruderinnen und Ruderer es auch in diesem Jahr so machen, jedoch auf einer anderen Route. 

Mittwoch: Früh aufstehen, viel im Auto sitzen, dann aber traumhafte Natur

Ein Großteil davon waren noch weiße Flecken im SCBG-Wanderfahrten-Gedächtnis. Aber die Organisatoren Steffen und Stefan H. hatten in mehreren Besuchen die Streckenführung und Gewässer geprüft, teils per Auto, teils per Kanu. Dass das Passieren per Ruderboot wiederum ein paar geahnte und ungeahnte Besonderheiten aufweisen sollte, stellte sich während der Wanderfahrt nach und nach heraus.

Foto: Andreas B.

Am Mittwoch 20. Juni 2018 mussten alle früh aufstehen, extra früh Andreas und Stefan H. Sie waren die Bootsboten und holten den am Vorabend mit den Booten Krossinsee und Dahme beladenen Bootshänger aus Grünau ab. Sie fuhren ihn zum Startpunkt, dem Wasserwanderrastplatz hinter dem Schlosspark in Oranienburg. Der Rest der Crew konnte ein wenig länger dösen. Steffen, Uwe, Jens, Regina, Thomas, Colja und Julian brachen in zwei weiteren Autos nach Oranienburg auf. Sibylle musste ihre Teilnahme zähneknirschend absagen – eine Erkältung hatte sie erwischt. Sie sollte aber glücklicherweise am Freitag wieder so fit sein, dass sie zu den Queerspielen kommen konnte.

Jetzt folgte der für Wanderfahrten mit Bootstransport übliche Logistikaufwand: Aufriggern der Boote in Oranienburg, Überführen des Hängers und der Autos nach Lindow und eine teilweise halsbrecherische Rückfahrt nach Oranienburg. Der resolute Taxifahrer nahm den Hinweis „Wir haben es etwas eilig.“ wörtlich und trat beherzt aufs Gaspedal.

Gegen 11:30 Uhr begann endlich das Rudern. Nach den Mühen des Vormittags träumte manch einer von einem Nickerchen, einem Kaffee oder – in einem Boot – von Spielgeräten, die jede Lebenslage angenehm zu machen versprachen.

Vorrangiges Merkmal des Rudergewässers am Mittwoch waren üppiger Uferbewuchs, den die Fahrtenleitung bei ihrer Erkundungstour im Winter so nicht vorhergesehen hatte. Beim Durchfahren verfing sich öfters mal ein Blatt im Schilf, aber wie durch höhere Planung war der Ruppiner Kanal und der Kremmener Rhin immer gerade so breit, dass die Boote durchrudern konnten. Spätestens jetzt atmeten alle Teilnehmenden durch und ließen die menschenleere, aber von vielen Vogelstimmen erfüllte Natur auf sich wirken.

Foto: Regina W.

Foto: Regina W.

Foto: Jens S.

Zur ersten Pause hatte Steffen das erste in einer Reihe aufregender Anlegemanöver vorgesehen. In der Kremmener Seelodge bestand die Kunst darin, unter einem umlaufenden hohen Betonsteg durchzutauchen, was dem Boot Krossinsee nach drei Diskussionen und zwei Versuchen gut gelang.

Ein bisschen Eile war geboten, da man etwas hinter dem Zeitplan lag und die Schleusenzeiten der noch zwei vorausliegenden Schleusen einzuhalten waren. Die freundlichen Schleusenmeister wurden sicherheitshalber und ausgesucht höflich telefonisch vorinformiert. Dementsprechend geschmeidig und ohne Wartezeiten liefen die Schleusungen ab. Dass der wohlgemuten Rudergemeinschaft das Schleusenglück am Folgetag abhold bleiben sollte, ahnte dabei noch niemand.

Nach „ungefähr 40 Kilometern“ langten die Rudernden sichtlich erschöpft am ersten Übernachtungsort, dem Jugenddorf Gnewikow am Ruppiner See, an. Dass es Teilen der Mannschaft ein wenig an Genauigkeit der Entfernungsangaben fehlte, wies die Fahrtenleitung charmant von sich. Die Frage, ob 37,5 oder 40 Kilometer gerudert worden waren, löste sich sprichwörtlich beim Baden im Wasser des Ruppiner Sees auf.

Im Jugenddorf übernachtete auch eine Frauengruppe, die auf dem Ruppiner See an Bord des Boots des Namens „Viribus unitis“ gesichtet wurden. Mit sprachwissenschaftlichem Sachverstand analysierte Julian, dass dieser Schlachtruf als „Mit vereinten Kräften“ zu übersetzen sei und der Wortstamm von „viribus“ bei Lateinisch „vir“, „Mann“ liege. Dass sich die rudernden Frauen unter diesem Diktum sichtlich wohlfühlten, deuteten die QueerschlägerInnen als Zeichen der wachsenden Queerness auch in den Ruppiner Gewässern.

Den Abend verbrachten die Rudernden auf der Terrasse des Anwesens und am spiegelglatt daliegenden See. Auf der Wasseroberfläche hoben sich deutlich die Fledermäuse ab, die am Ende der Dämmerung begannen, auf die Pirsch zu gehen. Hob sich der Blick vom Wasser zum erst rosigen, dann dunkelblauen Abendhimmel, konnten die ersten Sterne bewundert werden. Diese stille Betrachtung währte jedoch nicht den ganzen Abend. Ein von Shisha rauchenden Jugendlichen ausgelöster Feueralarm brachte noch kurzzeitig Leben ins Dorf.

Im Ganzen sorgte das lebhafte Jugenddorf sorgte für rustikal-solide Übernachtung in Mehrbettzimmern. Jens berichtete am nächsten Morgen von ungeahnten Falttechniken, mit denen er sich in das zu kurze Bett hineingearbeitet hatte.

Donnerstag: Ansehnliches Neuruppin und abenteuerliches Kaltfront-Rudern

Die Mittwochsetappe war die mit Abstand längste der Wanderfahrt gewesen. Die Abschnitte am Donnerstag und Freitag sollten deutlich kürzer sein. Am Donnerstagmorgen stand nach kurzem Hinüberrudern vom Strand des Jugenddorfs nach Neuruppin (Fahrtenleitung: „ungefähr vier Kilometer“) ein Stadtrundgang an.

Foto: Thomas R.

Foto: Regina W.

Steffen führte die Gruppe gekonnt an den Wahrzeichen und Kuriositäten Neuruppins entlang. Informationen zu Fontanes Geburtsort, der preußischen Stadtplanung und angeblich eingemauerten Frauen gefielen allen. Wie es die Wettervorhersage angekündigt hatte, zog nun eine Kaltfront auf, die mit kühlen Böen durch die Straßen pfiff und bald die ersten Regengüsse brachte.

Foto: Jens S.

Nicht dumm trotzten die erfahrenen Wanderrudergesellinnen und -gesellen dem widrigen Wetter und machten eine ausgiebige Kaffee-, Kuchen- und Eisbecherpause. Schließlich musste das hochgelobte Ruppiner Feingebäck einer angemessenen Prüfung unterzogen werden. Etliche Kalorien später wagte sich die Truppe wieder hinaus in die Boote. Es nieselte nur noch.

Wie auch am Vortag rotierten die Besetzungen der Boote, um den unbesetzten Platz gerecht auszugleichen. Die SCBG-Flottille verließ unter grauem Himmel und bei zehn Grad weniger als am Vortag den Ruppiner See nach Norden. „Heute haben wir nur eine Schleuse, nämlich die in Altruppin“, hatte die Fahrtenleitung verlautet. Dort angekommen stellte sich vor den verschlossenen Schleusentoren zunächst ein unvermittelter Platzregen ein, der die Laune der Bootsinsassen nicht gerade hob. Noch weniger hob sie die telefonisch erhaltene Aussage, dass die Ruderboote doch die Schleppe nutzen sollten, schließlich werde nur stündlich geschleust. Dass sich dies als Missverständnis im Team der Schleusenbesatzung herausstellen sollte, war erst klar, als die Boote zu Berg geschleppt waren.

Foto: Jens S.

Nach diesem unerwarteten Landgang ging es weiter durch, wie es schien, immer verwunschener werdende Gewässer. Dem Bett des Rhins folgend glitten die Boote durch den Molchow-, Teetzen- und Zermützelsee und das Rottstielfließ. Die umstehenden alten Nadelwälder und die durch den aufklarenden Himmel blitzenden Sonnenstrahlen veranlassten unter anderem Uwe und Jens zu der Aussage, dass dies eine der reizvollsten Wanderfahrten sei.

Die selige Stimmung währte jedoch nicht bis zum Ende der „ungefähr 20 Kilometer“ langen Tagesetappe. Als letzte Prüfung wartete der Tornowsee auf die wackeren Rudernden. Kaum aus dem idyllischen Fließ auf den See abgebogen, begann der Kampf gegen Wind und Welle. Der auffrischende Nordwestwind forderte vor allem in der unterbesetzten Krossinsee Kraftreserven zu Tage, die vermutlich erst durch die Neuruppiner Kuchenschlacht entstanden waren.

Als die Boote, die einiges an Wasser geladen hatten, samt ihren abgekämpften Insassen das Ende des Sees erreichten, war das Staunen groß. Hier waren keine Zivilisation und schon gar kein Hotel erkennbar. Steffen und Stefan konnten aber auch diesen Irrtum aufklären. Hinter einem Schilfgürtel lag das weitläufige Grundstück des Hotels Boltenmühle, die bereits vom Brandenburg-Kenner Theodor Fontane erwähnt wurde.

Hier kam es zu Teil zwei der aufregenden Anlegemanöver dieser Reise. Hinter dem Schilf verbarg sich eine winzige Anlegestelle, die durch das Gestrüpp und durch Stahlpfosten geschützt war, durch die die Boote gerade so mit Ruder lang durchpassten. Um die Boote hindurch und an Land zu ziehen, kamen alle in den Genuss des Wassertretens, was bei der gefühlt immer weiter sinkenden Lufttemperatur so manches „Brrr“ und „Ist das kalt“ hervorrief.

Foto: Regina W.

Was das Hotel betraf, hatten Steffen und Stefan nicht zuviel versprochen. Die historische Mühle plätscherte vor sich hin und produzierte angeblich sogar Strom. In dem großen Fachwerkbau war das Restaurant untergebracht. Die meisten Hotelzimmer lagen in einem ebenso urigen Nebengebäude. Die Außenanlagen waren bestimmt durch ein Eselgehege, eine Vogelvoliere sowie einem Blumen- und Gemüsegarten. Aus letzterem stammten anteilig die Zutaten für das am Abend servierte Essen.

Foto: Jens S.

Foto: Julian S.

Für einige der Teilnehmenden war der erste Gang nach dem Einchecken in die wohlige Wärme des Wellnessbereichs. Dass der Mühlteich oberhalb des Rads übrigens als Kneipp-Becken angepriesen wurde, quittierten die gut durchbluteten Gäste nur mit einem wissenden Lächeln. Der Abend klang bei einem ausgedehnten Essen im Restaurant aus. Die einmal im Jahr spukende Mühlenhexe stellte sich in der Nacht bei niemandem ein, obwohl alle – auf Kosten des Hauses – von ihrem Elixier getrunken hatten.

Freitag: Von der einsamen Mühle in den Trubel der Queerspiele – auf der anderen Seite des Bahnübergangs

Nach einer diesmal sehr ruhigen Nacht stand die letzte, ebenfalls „ungefähr 20 Kilometer“ lange Tagesetappe Richtung Lindow an. Bei frischen 10 Grad Lufttemperatur spazierten schon vor dem Frühstück Regina und Steffen zum nahen Kalksee. Dort wandelten sie auf den Spuren der schönen Sabine, der Sage nach Geliebte von Friedrich dem Großen.

Der fröstelnde Rest der Reisegruppe zollte den beiden Respekt, bevor man wieder wassertretend, aber diesmal geübter als am Vorabend ablegte und der Boltenmühle Lebewohl sagte.

Foto: Jens S.

Das Wetter war zwar kalt, aber versöhnlicher als am Vortag, so dass die Querung des Tornowsees diesmal harmlos abging. Zurück am Zermützelsee ging es nun weiter Richtung Südosten den Rhin entlang über den Möllensee und zuletzt über den langgezogenen Gudelacksee. Die Rudernden warfen immer wieder argwöhnische Blicke in den Himmel, wo sich Sonne und Wolken abwechselten und jederzeit Schauer herunterbrechen drohten. So waren zwischendurch mehrere Fashion-Pausen unumgänglich. Alle hatten dank der enormen Temperaturschwankungen seit Abreise am Mittwoch alles, was der Seesack hergab, wirklich auch an.

Stärker regnete es dann auch erst, als die beiden Boote glücklich beim Segelclub in Lindow anlegten. Das war das offizielle Ende der Wanderfahrt, aber nicht das Ende des Rudervergnügens! Das Sportzentrum, in dem die Queerspiele stattfanden, lag am Wulzsee. Dorthin mussten die getreuen Boote gebracht werden. Dazwischen lag nicht etwa Verbindungskanal, sondern der Ort Lindow und zum allgemeinen Schrecken ein unbeschrankter Bahnübergang. Nicht zu Unrecht nennt sich Lindow „Stadt an drei Seen“.

Alexandra, die die Queerspiele mitorganisierte, begrüßte die Reisenden und übernahm den Gepäcktransport ins Sportzentrum im Auto.

Foto: Jens S.

Die Wassersportgruppe wurde kurzerhand zur Wandergruppe und die Boote zu Straßenfahrzeugen dank des Slipwagens, den der Segelclub freundlicherweise den Rudernden auslieh. Nicht wenige Lindower sperrten Mund und Nase auf, als die 11 Meter lange Ungetüme quer durchs Dorf gefahren wurden. Am Ufer des Wulzsees gelangten die Boote sichtlich erleichtert wieder in ihr eigenes Element, dem Wasser. Von hier war es rudernd nur ein Katzensprung zum Bootssteg des Sportzentrums.

Foto: Steffen E.

Am frühen Nachmittag, deutlich früher als geplant, waren die Boote festgemacht, die Skulls in den Fahrrad- bzw. Skullkeller gebracht und die Rudernden durstig. Jetzt kam endlich der Sekt zum Einsatz, den die Fahrtenleitung seit Oranienburg unter strengen Sicherheitsvorkehrungen mitgeführt hatte. Pünktlich zum Anstoßen blinzelte die Sonne wieder hervor.

Queerspiele: Wieder großes Interesse an Rudern(den)

Dann begann der Trubel der Queerspiele. Die QueerschlägerInnen wurden allgemein bestaunt, da sie offensichtlich die deutlich aufwendigste Anreise nach Lindow auf sich genommen hatten. Das Ruder-Schnuppern erfreute sich wieder recht großer Beliebtheit, auch wenn sich manch einer das sonnige Wetter von vor zwei Jahren gewünscht hätte. Neben den neun Wanderfahrenden betreuten Gudrun, Carola, Martin H., Ingo, Alexandra und Sibylle die Neugierigen. Teilnehmende und TrainerInnen trotzten auch am Wochenende zahlreichen Schauern und starkem Wind. Trotz allem trieben die Boote nicht ins Schilf und Queerschlag, dessen 20. Geburtstag offiziell gewürdigt wurde, bekam sehr gutes Feedback.

Foto: Jens S.

Die Teilnehmenden der Wanderfahrt fuhren am Sonntagnachmittag zurück nach Grünau. Im Gepäck hatten sie das Rudererlebnis, die Geselligkeit, die Abwechslung und die traumhafte Natur. Es war eine wunderbare Reise!

Julian S.

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